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Abenteuer Sächsische Schweiz - Teil 1: Westen

La Palma? Corona… Sächsische Schweiz! Elbsandsteingebirge statt Kanarische Insel. Elbe statt Atlantik. Camper statt Hotel und Dosenravioli statt frischem Fisch. Was für manch einen nach gewaltigem Rückschritt klingen mag, war für uns schlicht eine spontane Planänderung mit einer guten Portion Abenteuer. Wir sollten nicht enttäuscht werden: Traumhafte Natur, atemberaubende Aussichten, spannende Klettersteige und selbst das Wetter spielte mit.

Als Ende April endgültig klar war, dass wir COVID-19 bedingt nicht nach La Palma fliegen können würden, sämtliche Stornierungen jedoch entweder kostenlos waren oder im Falle des Flugs als Gutschein gutgeschrieben wurden, suchten wir nach einer Möglichkeit, nicht einfach nur auf der Dachterrasse oder im heimischen Wohnzimmer zu vergammeln. Schnell arbeiteten wir zwei Optionen aus: Entweder entlang des Rheinsteigs im Westen oder ein Besuch der Sächsischen Schweiz im äußersten Osten. Auf einer Seite Deutschlands würde bestimmt schönes Wetter herrschen. Spontanität zahlte sich ja bereits bei unserer Teneriffa-Reise ziemlich genau ein Jahr zuvor aus.

 

Hotels und Pensionen waren zum Zeitpunkt der Planung für Touristen noch geschlossen. Die Idee im eigenen Auto zu übernachten hatten wir nach kurzem Ausprobieren schnell verworfen: Für ein oder zwei Nächte vielleicht erträglich, aber sicher keine ganze Woche. Nach kurzer Recherche landeten wir auf der Seite von Cologne Camper: Informative Homepage, transparentes und faires Preismodell, top ausgestattete Mietwagen und der Standortvorteil - nahezu vor unserer Haustür - machten uns neugierig.

 

Nach einem Treffen mit dem überaus sympathischen Betreiber, der wegen Lieferverzögerung des eigentlich von uns gewünschten „Romantikers“ netterweise noch einen Rabatt auf den glücklicherweise noch verfügbaren „Kompanja“ gewährte, war klar: Dieser 4,99 Meter lange Renault Trafic würde uns bei unserem ersten Campervan-Erlebnis als mobiles Heim dienen. Was waren wir aufgeregt. Der Wagen bot allen erdenklichen Luxus und war bis ins kleinste Detail durchdacht: Von der Handdusche über eine zusätzliche, per Solarpanel gespeiste Batterie mit der unter anderem eine geräumige Kühlbox betrieben werden konnte, magnetische, und somit sehr leicht anzubringende Verdunklung der Fenster, einem Gaskocher und sogar eine dimmbare LED-Beleuchtung. Da blieb kein Auge trocken.

Roadtrip in den „Wilden Osten“

Der Glückskinder-Bonus arbeitete erneut auf Hochtouren: Die Wettervorhersage für die Sächsische Schweiz war vielversprechend, einen Tag vor unserer geplanten Abreise sollte der Freistaat seine Grenzen für inländische Touristen wieder öffnen und unsere Freunde in Dresden - Indonesien-Reiseleiter Falko, sowie die beiden Reisebekanntschaften Beate und Sabine - hatten ebenfalls Zeit für ein Wiedersehen.

 

Samstagmorgen holten wir den Camper ab. Schon auf der Rückfahrt zur Wohnung verliebte sich Bernd in das angenehme Fahrgefühl. Fix die geräumige, ausziehbare Box im Kofferraum mit allerhand Vorräten bestückt, sowie Schlafsäcke und Reisetasche mit Klamotten verladen und schon waren wir auf dem Weg nach Dresden. Regelrechtes Roadtrip-Feeling kam ins uns auf. Die bequemen Sitze, das schöne Wetter und die freien Autobahnen taten ihr Übriges. Die Zeit verging wie im Flug. Am frühen Abend erreichten wir Sachsens Landeshauptstadt. Uns erwartete ein wundervoller Abend mit leckerem Flammlachs vom Lagerfeuer und vielen weiteren Köstlichkeiten von Falko und seiner kleinen Familie, die wir auch endlich mal kennenlernen durften. Wir saßen bis spät in die Nacht draußen. Was sollen wir sagen? Danke von ganzem Herzen für die Gastfreundschaft. Wir kommen liebend gerne wieder.

Marathon, nicht Sprint


Sonntag ging es zeitig, nach einem gemeinsamen Frühstück gut gestärkt nach Königstein, wo wir uns mit Beate, Sabine, sowie ihrem Freund Thomas für eine erste gemeinsame Wanderung trafen. Die ersten drei Tage wollten wir dem westlichen Teil rund um Königstein, Rathen und Hohnstein widmen, bevor wir für den Rest der Woche noch weiter Richtung Osten vordringen wollten. Falko und seine Familie brachen dagegen zum „Ansegeln“ zu einem nahegelegenen See auf und konnten leider nicht mit dabei sein. Dank Autobahnsperrung schickte uns die Karten-App erst einmal mitten durch Dresden, doch Sonntag früh waren die Straßen im Zentrum zum Glück noch frei. Ein wenig Bonus-Sightseeing aus dem Auto, was uns an unseren ersten Besuch in der sächsischen Landeshauptstadt im Januar 2018 erinnerte, nahmen wir gerne mit.

 

In Königstein angekommen hatten wir Glück: auf unserem Wunschparkplatz mitten im Ort ergatterten wir einen der letzten freien Stellplätze. Die Verständigung mit unseren Freunden, die per S-Bahn angereist waren, gestaltete sich dank schwachem Mobilfunknetz dagegen deutlich schwieriger. Das sollte im Übrigen den Rest der Woche andauern: Das O2-Netz war faktisch nicht zu gebrauchen, die Verbindung zu Vodafone hingegen war in der Regel noch ganz gut. Letztlich haben wir uns doch noch gefunden. Schnell noch die Schuhe geschnürt und die Rucksäcke gepackt, und schon konnte es losgehen. Was uns wohl im Laufe der Woche erwarten würde? Würde das Wetter mitspielen? Würden wir alle Routen schaffen? Wie würde es mit den Stellplätzen über Nacht klappen?

Wir hatten uns vorab für jeden Tag eine Tour auf Komoot zusammengestellt. Da das GPS-Signal des Smartphones zwischen den Felsen oft arg daneben lag, solltet ihr die im folgenden verlinkten Strecken und Fotos mit Vorsicht genießen. Tag 1 wollten wir vom beschaulichen, am Südufer der Elbe gelegenen Örtchen Königstein Richtung des Kurorts Gohrisch, von dort über den Kleinhennersdorfer Stein zur Lichterhöhle und über Papststein, Gohrisch (den Stein), Pfaffenstein und Quirl zurück laufen. Gut zwanzig Kilometer und etwa 750 Höhenmeter „zum Aufwärmen“ - aus Teneriffa haben wir offenbar nichts gelernt… Werden die Füße (und Waden) diesmal durchhalten? Unser Plan: Ausreichend Pausen einlegen und die Tage voll ausnutzen. Getreu dem Motto „Marathon, nicht Sprint“. Schließlich gab es abends nicht mehr viel zu tun und weit fahren mussten wir auch nie.

...ach, deshalb heißt es Malerweg

Über einige Treppenstufen ging es aus dem Ort steil bergauf und wir gewannen schnell an Höhe. Es sollten längst nicht die einzigen Stufen gewesen sein, die wir diese Woche erklimmen mussten. Die Sächsische Schweiz ist gespickt mit Treppen in allen erdenklichen Formen. Wir genossen einen ersten Ausblick auf die imposante Festung Königstein, die wir uns bei weitem nicht so gigantisch vorgestellt hatten. Auch sie würden wir in den nächsten Tagen noch häufiger am Horizont erspähen. Nach gut zwei Kilometern durch den Wald erreichten wir den verschlafenen Kurort Gohrisch mit seinen schnuckeligen Häusern, penibel gepflegten Vorgärten und einer sehr netten Buschbank in einem kleinen Wäldchen auf der Ostseite des Orts. Für uns leider zu früh zum Aufstocken des Proviants, aber dennoch fanden wir den Anblick sehr erheiternd.

Hinter Gohrisch ging es erneut in den Wald. Teilweise marschierten wir entlang des Malerwegs, einem Hauptwanderweg im Elbsandsteingebirge. Auch dieser sollte uns die nächsten Tage noch häufiger „begegnen“. Wir erreichten bald die ersten Sandsteine und waren sofort fasziniert von diesen stummen Riesen. Allein die schiere Größe (und dabei waren wir längst nicht bei den beeindruckendsten Vertreten angekommen), aber auch die vielfältig ausgewaschenen Formen mit ihren immer wieder neuartigen Furchen und Spalten, in denen sich ein ganz eigenes Farb-, Licht- und Schattenspiel abzeichnete, zogen uns sofort in ihren Bann. Uns war schnell klar, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten und im Laufe der Woche viel Spaß haben würden.

Auf der Südseite des Kleinhennersdorfer Steins begutachteten wir die imposante Lichterhöhle, eine etwa 300 Quadratmeter große Schichtfugenhöhle, bevor wir weiter zum benachbarten Papststein wanderten. Dort ging es über eine Treppe aus Holzbalken nach oben. Wir machten auf der Südseite Rast mit einer herrlichen Aussicht auf das Örtchen Papstdorf, das von leuchtend gelben Rapsfeldern umgeben war. Uns dämmerte, warum es „Malerweg“ hieß. Kein Wunder, dass diese Landschaft reihenweise Künstler angezogen hatte.

Von Stein zu Stein

Ein Stück weiter oben lag die gut besuchte Bergwirtschaft Papststein. Schnell wurde uns der Grund bewusst: Die Aussicht von hier, sowie beim noch etwas höher gelegenen Feuerwachturm war wirklich atemberaubend schön. Wir konnten uns an der Weite und den Farben gar nicht sattsehen. Auch die ersten Kletterer konnten wir beobachten. Kein Wunder, gibt es in der Sächsischen Schweiz doch ein gutes Dutzend Klettergebiete mit insgesamt mehreren hundert zugelassenen Gipfeln. Wahnsinn.

 

Doch wir mussten weiter, lagen doch noch rund 13 Kilometer Strecke vor uns. Über zahllose Metallstufen ging es zunächst hinunter zum Wanderparkplatz Galgenschänke und direkt im Anschluss wieder hinauf auf den gegenüber liegenden Gohrisch-Stein. Erneut über Stufen, mal aus Stein, mal aus Metall und teils sogar über metallene Leitern. Erstaunlich was hier alles zwischen die Felsen gebaut wurde. Das stetige Auf und Ab, soviel war jetzt schon klar, würde in dieser Woche fest zum Wanderalltag gehören.

Unsere Abenteuerlust war geweckt. Nachdem wir kurz den herrlichen Ausblick zurück zum Papststein würdigten, starteten wir eine kleine Erkundungstour. Zunächst kraxelten wir runter zur Schwedenhöhle, einem dunklen, engen Loch, das allerdings schnell zur Sackgasse wurde. Anschließend ging es vor auf die Gohrisch-Scheibe, wo wir erneut das Panorama genossen. Wie schon auf dem Papststein war in der Ferne Burg Königstein gut auszumachen - nicht zum letzten Mal in dieser Woche. Unser nächstes Ziel, den Pfaffenstein, hatten wir ebenfalls bereits im Blick. Mit 434 Metern war dieser Tafelberg zwar der niedrigste der drei Gipfel dieses Tags, wird aber wohl auch als „Sächsische Schweiz im Kleinen“ bezeichnet und war alleine deswegen schon ein Pflichtbesuch für uns.

Versteinerte Jungfrau hinterm Nadelöhr

Vom Gohrisch heruntergestiegen sind wir den als „schwieriger“ gekennzeichneten Weg. Richtig anspruchsvoll war der zwar nicht - ein paar Treppen hier, eine Leiter dort - aber alleine die Passagen zwischen den Felsspalten hindurch fühlte sich an, als wären wir in einem riesigen Abenteuerpark. Am Fuß angekommen wanderten wir durch Wald und Wiesen, bis wir den Pfaffenstein sich hinter Pfaffendorf auftürmen sahen. Auch in diesem malerisch gelegenen Ort gab es selbstverständlich wieder eine Vielzahl an Ferienwohnungen und Pensionen, sowie eine zugehörige Ausflugsgaststätte mit Biergarten.

Als Aufstieg zum Pfaffenstein hatten wir die Nordseite gewählt, das sogenannte Nadelöhr. Nach unzähligen, schweißtreibend steilen Stufen kamen wir am namensgebenden, schmalen Durchstieg an. Der Rucksack auf dem Rücken passte gerade noch mit durch das Loch. Das wurde ja von Stein zu Stein immer besser. Wir waren begeistert. Auch vom Blick die steil abfallenden Felswände hinab aufs Dorf und über die weiten Felder, den bisher gelaufenen Weg nachvollziehend. Unbeschreiblich schön.

Wir wanderten weiter bis zu einem alten, gemauerten Aussichtsturm, dessen Tür weit offen stand. Wie schon beim Leuchtturm auf den Azoren entrichteten wir auch hier liebend gerne den Obolus von einem Euro für den schwindelerregenden Wendeltreppen-Aufstieg, um das 360-Grad-Panorama zu genießen. Anschließend setzten wir unseren Weg durch das bewaldete Plateau fort bis wir über eine enge Treppe und durch eine schmale Felsspalte hindurch zur Barbarine aufstiegen, der Sage nach eine versteinerte Jungfrau. Definitiv eine eindrucksvolle Felsnadel, wenn auch längst künstlich vor dem Verfall bewahrt.

Bequemer Weg zum Diebskeller

Auf dem Rückweg von der Barbarine sahen wir zwei Kletterer auf einem gigantischen Abbruchfelsen sitzen. Wir hätten noch stundenlang das Plateau erkunden können, doch lag ja noch immer knapp ein Drittel der geplanten Strecke vor uns. Thomas wurde längst nervös. Nachdem wir noch die Überreste eines alten Bauwerks betrachteten, machten wir uns an den Abstieg, der uns unter anderem erneut durch haushohe Felsspalten führen sollte. Als wären sie mit riesigen Sägeblättern voneinander getrennt worden.

Zwischen sattgelben Rapsfeldern und saftig grünen Wiesen führte uns ein sehr treffend benannter „Bequemer Weg“ bis zum Quirl, dem letzten Stein des Tages. Zur Abwechslung wollten wir diesen lediglich umrunden und die bizarren Felsen von unten betrachten. Der Sandstein war hier teilweise so ausgewaschen, dass die Formationen an überdimensionale, abgestorbene Korallen erinnerten. Auf der nordöstlichen Flanke lag mit dem Diebskeller eine weitere imposante Höhle, deren Mitte ein massiver Steintisch aus dem Jahre 1755 zierte. Doch obwohl es bereits früher Abend war, ließen wir uns - sehr zur Freude von Thomas - nicht für ein altertümliches Gelage nieder, sondern machten uns auf die letzten beiden Kilometer zurück nach Köngstein.

 

Am Ortseingang angekommen lag der im Bielatal gelegene Teil Königsteins längst im Schatten. Wir verabschiedeten uns von Beate, Sabine und Thomas. Während sie in der S-Bahn zurück nach Dresden fuhren, saßen wir bereits im Außenbereich der lokalen Pizzeria und stillten unseren Kohldampf und Durst. Anschließend noch kurz runter an die Elbe für… nun ja… einen kleinen Verdauungsspaziergang und um die Abendsonne zu genießen. Gegen acht Uhr abends brachen wir schließlich auf nach Waltersdorf, wo wir unsere erste Nacht im Camper verbringen wollten. Erschöpft bauten wir noch den hinteren Bereich zum Schlafen um und fielen müde, aber voller Vorfreude auf die kommenden Tage ins Bett. Ein perfekter Einstieg.

Darf’s ein Kilometer mehr sein?


Zum Frühstück gab es Rührei mit Schinken und frischem Butterbrötchen im Außenbereich des nahegelegenen Einkaufsmarkts und Imbiss in Waltersdorf. Wir staunten nicht schlecht, als wir in dem etwas größeren Tante-Emma-Laden mit einem herzlichen, aber bestimmten „Die Masken könnt ihr ausziehen, ihr seid hier nicht im Westen“ begrüßt wurden. Frei dem Motto: „Etwas kognitive Dissonanz hat noch niemandem geschadet“… Nachdem wir unter Aufsicht der Kiosk-Katze unsere Rucksäcke gepackt hatten, wollten wir zunächst zum Parkplatz im Kurort Rathen fahren. Dummerweise stand auf Google Maps nicht, dass dieser nur mit Sondergenehmigung, sprich für 


Anwohner und Übernachtungsgäste nutzbar war. Also zurück zum kostenlosen Wanderparkplatz Füllhölzelweg und mental auf die ungeplanten Extrakilometer eingestellt.

 

Für den Montagmorgen hatten wir uns den vermeintlich stärksten Touristenmagneten, die Bastei, in der Erwartung vorgenommen, dass zum Wochenanfang dort am wenigsten los sei. Nach kurzem Einlaufen durch den Wald erreichten wir gegen neun Uhr das beschauliche Rathen. Wir durchquerten den idyllisch an der Elbe gelegenen Kurort und machten uns auf einem kaum erkennbaren Trampelpfad an den Aufstieg. So ganz sicher waren wir uns nicht, ob dieser Weg begangen werden durfte, doch hatten unsere Dresdener Freunde tags zuvor ähnliche Pfade als „ausdrücklich erlaubt“ bezeichnet. Wer sicher gehen will, nimmt den touristischeren Basteiweg.

Oben angekommen genossen wir von einem ersten Aussichtspunkt zunächst den phänomenalen Blick über den Elbbogen und auf die am Vortag besuchten Steine am Horizont. Anschließend besichtigten wir die Ruine der Felsenburg Neurathen. Die Dame an der Kasse war sichtlich erfreut, endlich wieder auch Touristen von außerhalb begrüßen zu dürfen. Überhaupt waren wir nahezu alleine auf dem Rundgang durch das mit allerlei metallenen Brücken gespickte Freilichtmuseum. Wir sind uns bis heute nicht sicher, was uns mehr faszinierte: Die Aussicht über das dicht bewaldete Tal, der erste Blick auf die Basteibrücke oder die Vorstellung, dass Menschen in derart luftiger Höhe eine Burg errichtet hatten, selbst wenn von den hölzernen Aufbauten längst nichts mehr übrig war.

Menschenleerer Touristenmagnet

Anschließend setzten wir unseren Weg fort durch das Felsentor über die fast menschenleere Basteibrücke. Unser Plan war tatsächlich aufgegangen, so angenehm wenig war noch los. Wir saugten die Eindrücke und unterschiedlichen Blickwinkel - natürlich auch den bekanntesten vom Ferdinandstein zur Brücke - in uns auf und genossen die Ruhe. Allein die schiere Größe des noch geschlossenen Biergartens des Panoramarestaurants lies uns erahnen, was sich hier für gewöhnlich an Menschenmassen aufhielt. Nach kurzer Atempause beschlossen wir weiterzuziehen, bevor der große Ansturm begann.

Vom Fremdenweg bogen wir auf den Hirschgrund ab, ein im positiven Sinne abenteuerlicher Abstieg inklusive kleiner Kletterpassagen. Wir folgten dem Pfad bis zur Turnvater-Jahn-Hütte und stiegen kurz darauf die „Stillen Gründe“ hinauf, wo wir mit weiteren schönen Ausblicken aufs Elbtal belohnt wurden, bevor der Weg kurzzeitig in den Wald abbog. Kurz vor Wehlen machten wir auf einem Felsvorsprung bei angenehm warmen Temperaturen im Halbschatten pünktlich um zwölf Mittagspause.

 

Der Abstieg ging recht flott. Bereits eine Stunde später saßen wir mit einem kühlen Radler auf einer Bank am Elbufer. Wer sagt, man kann keine zwei Pausen hintereinander machen? Wir erkundeten noch kurz den pittoresken Marktplatz vor der Radfahrer-Kirche. Dieser wurde nach dem verheerenden Hochwasser des Jahres 2002 wundervoll wieder hergerichtet, war wir anschließend von der sich ebenfalls gerade in Restauration befindlichen Burg nochmals aus der Vogelperspektive überblicken konnten, bevor wir der kleinen Stadt schon wieder den Rücken zukehrten und durch den Wehlener Grund Richtung Uttewalder Grund und Felsentor weiterzogen.

Wie ein Sonntagsspaziergang im Märchenreich

Auf diesem Abschnitt erwartete uns ein ganz anderes Bild. Der Weg mäanderte sich zwischen moosigen Felsen und unter schattigen Baumkronen entlang. Seine breite, ebene Beschaffenheit und die angenehm kühle Luft ließen uns die kuriosen Felsformationen und die urige Landschaft genießen, als wären wir auf einem Sonntagsspaziergang im Märchenreich. Wir passierten das Gasthaus Waldidylle, das leider corona-bedingt noch geschlossen hatte. Sonst hätten wir vielleicht noch eine kleine Stärkung mitgenommen. Plötzlich sahen wir zahllose Steinmännchen, fast soweit das Auge reichte. Schon ein wenig unheimlich, aber auch eindrucksvoll anzusehen.

Kurz darauf erreichten wir das Uttewalder Felsentor, das sich mit seinen eingeklemmten Felsen schmal und verwunschen präsentierte. Danach drehten wir eine sehr abwechslungsreiche Schleife über Knotenweg, Wettinweg und durch den Höllengrund, bis wir wieder auf dem Fremdenweg ankamen. Am Steinernen Tisch machten wir eine stärkende Rast und eine eher unangenehme Begegnung mit zwei vermeintlich lokalen Tagestouristen. Sie versuchten uns direkt mittels „Seltsam, dass die Frau Merkel hier noch kein rot-weißes Band gespannt hat“ in eine politische Diskussion zu verwickeln. Zu Hilfe! Für uns definitiv ein rotes Tuch. Wir schlangen fix unsere Würstchen runter und brachen so hastig auf, dass wir völlig vergaßen, den Tisch zu fotografieren.

Unser nächstes Ziel waren die Schwedenlöcher, eine verträumte, klammartige Schlucht. Auch hier war es angenehm kühl und die moosigen Felswände zeugten von viel Feuchtigkeit, wo doch im Rest der Sächsischen Schweiz alles knochentrocken war und immerhin Waldbrandgefahrstufe 3 galt. Fasziniert stiegen wir über mehrere hundert Stufen hinab zum Amselgrund. Wir folgten dem wildromantischen Tal auf der Ostseite des Grünbachs bis zu seiner Staustufe, dem Amselsee, wo ein Paar auf einem Tretboot einsam seine Kreise zog. Statt den direkten Weg nahmen wir noch einen kleinen Umweg vorbei am Talwächter und den Feldsteinen auf uns, bevor wir kurz vor sechs Uhr abends Rathen erreichten.

 

Gerade noch rechtzeitig vor Ladenschluss des lokalen Imbiss-Lädchens, wo wir ein energiereiches Abendessen aus Currywurst mit Pommes, einer Thüringer Rostbratwurst und einem Matjesbrötchen, sowie zwei leckere Eibauer Schwarzbiere schnabulierten. Mit zwei weiteren Flaschen Bier setzten wir uns runter an die Elbe und genossen die Abendsonne, bevor wir uns nach einer längeren Pause die letzten drei Kilometer zum Camper zurücklegten und uns groggy nach der längsten Tour der Woche - gut 24 Kilometer und abermals etwa 750 Höhenmeter - in unsere Koje hauten.

Auf dem Balkon der Sächsischen Schweiz


Der dritte Tag begann wie der zweite mit einem leckeren Frühstück - ohne Maske - beim Imbiss Waltersdorf, wo wir amüsiert den Grundschulkindern zusahen, wie sie freudig auf den Schulbus warteten. Wir verspürten überraschend wenig Muskelkater und auch die Füße waren wieder fit. Was blieb ihnen auch anderes übrig? Unser heutiger Startpunkt lag im nahegelegenen Waitzdorf, und hielt zum Start gleich erneut eine Begegnung der kuriosen Art für uns bereit. Wir trafen dort ein älteres Wanderpaar. Während die Frau - offenbar wohlwissend, was gleich passieren würde - schon einige Meter vorauslief, redete ihr nach eigenen Angaben 85-jährige Ehemann auf uns ein. Auch er beglückte uns sogleich mit seiner politischen Meinung und erzählte stolz: „Ich habe zehn Jahre den Führer überlebt, da überlebe ich die Frau Merkel auch noch!“ Selbstverständlich sind wir seiner zum Abschied ausgesprochenen Einladung zum Kaffee auf dem Campingplatz lieber nicht gefolgt.

 

Wir starteten um kurz vor neun Uhr bei strahlend blauem Himmel auf die geplanten zwanzig Kilometer, die - ihr ahnt es sicherlich - wieder etwas mehr wurden. Es gab hier aber auch viel zu entdecken. Wir schlenderten durch das schnuckelige Dorf, um durch den Dorfgrund ab- und wenige hundert Meter südlich die etwa 850 Brandstufen wieder aufzusteigen. Den Gedanken diesen Abschnitt abends noch mal in umgekehrter Richtung bewältigen zu müssen, schoben wir erst mal beiseite.

Beim Aufstieg zum gleichnamigen Brand - immerhin 150 Höhenmeter - überraschten wir ein Reh im Wald, das so früh offenbar noch nicht mit Touristen gerechnet hatte und hastig die Flucht ergriff. Heftig schwitzend oben angekommen legten wir zunächst eine kurze Verschnaufpause bei den Hafersäcken ein, bevor wir den „Balkon der Sächsischen Schweiz“ aufsuchten. Über das Polenztal blickten wir zurück nach Waltersdorf und konnten weiter in der Ferne die Elbe und sogar einige Hochhäuser von Pirna ausmachen. Was für eine Weitsicht!

 

Anschließend folgten wir dem Schulzengrund hinab zur Polenz. Ein langer, ursprünglicher Taleinschnitt und wundervoll abwechslungsreicher Weg. Wir überquerten den Fluss über eine hübsche, alte Steinbrücke und erklommen den Carolastein auf dem gegenüberliegenden Ufer. Wir ruhten uns abermals ein wenig aus und genossen die herrliche Ruhe und Einsamkeit dort oben, bevor wir über einen serpentinenartigen Trampelpfad bergab zum Füllhölzelweg weiterzogen.

Blick vom Strand zur Basteibrücke

Nach wenigen Metern kreuzten wir die Landstraße und standen auf dem uns mittlerweile wohlbekannten Wanderparkplatz, der jetzt nahezu voll belegt war. Wir folgten dem gemütlich-breiten Wanderweg Richtung Rathen. Im Wald erspähten wir zuerst einen Bunt- und direkt im Anschluss einen Schwarzspecht. Kurz vor Rathen bogen wir rechts ab Richtung Türkenkopf - über die kuriosen Namen der Steine wunderten wir uns längst nicht mehr. Diesen kurzen Abschnitt kannten wir bereits vom Rückweg am Vortag. Die aufgeschreckt unseren Weg kreuzende Ringelnatter hingegen war uns neu. Dummerweise waren wir in gleichem Maße erschrocken, daher reichte die Zeit nicht für ein Foto. Der heutige Tag stand wohl ganz im Zeichen der Tierbeobachtung.

Am Türkenkopf war eine Gruppe überraschend betagter Kletterer zugange. Zwei von ihnen waren bereits in schwindelerregende Höhe aufgestiegen. Wir folgten den Stufen nach oben bis zum Pass zwischen Honigsteinkopf und -scheibe, wo wir an einer windgeschützten Stelle unsere Mittagspause verbrachten. Anschließend setzten wir den Weg fort, bergab über schon etwas ältere Holztreppen. Auf dem Weg nach unten stellten wir fest, dass wir von unserer geplanten Route abgekommen waren. Irgendwie hatten wir den Aufstieg zur Honigsteinscheibe verpasst, konnten uns aber auch nicht erklären, wo dieser gewesen sein sollte. Nach ein wenig Suchen fanden wir doch noch einen alternativen Weg und konnten unseren Weg über das Honigsteinmassiv fortsetzen.

Wir hatten überhaupt nicht damit gerechnet, dass wir von dort oben immer wieder einen herrlichen Blick auf die Basteibrücke hatten. So entstanden noch einige zusätzliche Fotos des Highlights vom Vortag. Nach einer spannenden Kletterpassage erreichten wir schließlich die Honigsteinnadel und erhaschten einen schnellen Blick auf die Lokomotive, bevor wir beim Lamm einen Felsdurchgang samt einer Art Strand fanden, so viel Sand war hier bereits aus den Steinen gewaschen. Haben wir schon erwähnt, dass quasi jeder Felsen hier einen eigenen, teils kuriosen Namen trägt? Auf dem Abstieg waren ein paar Arbeiter gerade damit beschäftigt, neue Bohlen als Treppenstufen in den Waldboden zu klopfen. Wir waren vermutlich die ersten Wanderer, die einen Fuß darauf setzten.

Von Ameisen und Bären

Auf dem eher unspektakulären, dafür bequem zu laufenden Knotenweg machten wir schnell Strecke gut. Nach etwa drei Kilometern erreichten wir über die steinerne Teufelsbrücke den Hockstein, von wo wir hinab ins über hundert Meter tiefer liegende Polenztal samt gleichnamiger Gaststätte und Pension blicken konnten. Definitiv nur etwas für schwindelfreie Naturen. Auf dem Berg darüber lagen - von diesem Blickwinkel fast surreal wirkend - die Stadt und Burg Hohnstein. Dort sollten wir also runter? Kein Problem. Na, wer errät es? Genau! Über metallene Stufen ging es die schmale Wolfsschlucht hinab. Am Ende sogar durch einen Durchstieg, der uns ans Nadelöhr auf dem Pfaffenstein erinnerte.

Da das Gasthaus noch geschlossen hatte, machten wir kurzerhand neben der Brücke über die Polenz Rast und streckten die Füße ins doch recht kalte Wasser. Beim eindrucksvollen Blick zurück dachten wir: Wow, da oben standen wir gerade eben noch? Mittlerweile war der Himmel stark bewölkt. Doch es blieb trocken und die Temperaturen waren entsprechend angenehm zum Wandern.

Wir folgten dem urigen Pfad namens Bärengarten bis zum Bärenzwinger unterhalb Hohnsteins entlang eines kleinen Bachs. Der Name rührt daher, dass dort früher Bären für Hetzjagden gefangen gehalten wurden. Mehr als ein paar Mauerreste und ein vom Moos überwuchertes, zum Teil eingestürztes Rundbogentor waren jedoch nicht mehr übrig. Unseren zwischenzeitlichen Plan, noch einen Abstecher nach Hohnstein für eine kurze Stadtbesichtigung nebst kühlem Getränk verwarfen wir, da es zum einen bereits 16 Uhr war, zum anderen wir unbedingt noch zur Gautschgrotte wollten. Auf dem Plan waren das noch rund acht Kilometer.

Also folgten wir dem Halbenweg, der sich gemütlich entlang der Felswände schlängelte. Nach knapp einem Kilometer, ein klein wenig versteckt, fanden wir die Abzweigung zur Gautschgrotte. Wir hatten Glück: Wir hatten dieses gigantische Monument ganz für uns allein. Zehn bis zwanzig Meter ragten die Felswände senkrecht nach oben. Darunter hatte sich ein riesiger Hohlraum gebildet. Der optische Effekt, wie eine Person, die entlang des Überhangs läuft, immer kleiner und kleiner, zuletzt fast winzig wie eine Ameise erscheint, ließ uns schwindelig werden. Ein magischer Ort, den ihr unbedingt besuchen müsst, falls ihr mal die Gelegenheit dazu habt.

Die nächsten vier Kilometer ging es zügig über Halben-, Räumigt- und Rundweg, vorbei an Brandpyramide und Diebeshöhle bis zur Brandstraße. Eigentlich wollten wir anstelle der Brandstufen durch die Speisekammer, einem kurzen Klettersteig, absteigen. Auf dem Pfad dorthin kamen wir jedoch an eine Wegsperrung aus Naturschutzgründen. Versteht sich von selbst, dass wir wieder umkehrten. Also ging es auf dem bereits vom Morgen bekannten Weg zuerst die 850 Brandstufen hinunter und gegenüber wieder hinauf nach Waitzdorf. Knapp 23 Kilometer und mehr als 800 Höhenmeter später genossen wir die Ruhe von Waitzdorf und fielen erschöpft ins Bett. Es wurde eine ruhige und erholsame Nacht.

 

Lest im zweiten Teil, wie es im östlichen Teil des Elbsandsteingebirges weiterging, welche Abenteuer und Mutproben uns bevorstanden und ob wir Vatertag und den folgenden Brückentag unbeschadet überstanden haben...

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